Urheberrechtsdebatte – Kreativität keine Frage des Urheberrechts
Das Luxemburger Land und das digitale Zeitalter – eine schwierige Beziehung. Nachdem im Mai 2011 das Internet noch als Hort der Banalitäten und Pornos verteufelt wurde, erschien ein Jahr später1 ein Artikel, der uns den “Preis der Kreativität” erklären will.
In Luxemburg steht, trotz eines rezenten Falls von Diebstahl geistigen Eigentums (siehe d’Lëtzebuerger Land vom 4. Mai 2012), eine öffentliche Beschäftigung mit diesem Thema bislang noch aus.
“Warum Eigentum nicht geistig sein kann”
Womit wir beim Thema wären. Denn, so formulierte es unlängst der bekannte deutsche Blogger Malte Welding: „Wir führen eine Scheindebatte, wenn wir über das Urheberrecht reden. Wir müssen über Geld reden.“ Wir müssen klar machen, dass die fundamentalen Chancen des digitalen Zeitalters nicht darin bestehen, Informationen aus dem Internet ohne Kosten beliebig zu reproduzieren und zur Verfügung zu stellen. Dass Texte nicht allein aufgrund der Tatsache, dass sie im Internet unbeschränkt zugänglich sind, auch von jedem jederzeit gratis kopiert, wiederverwendet und weiterverbreitet werden können.
Genau das IST die fundamentale Chance des digitalen Zeitalters – Informationen könnten beliebig reproduziert und verbreitet werden. Es bedarf nicht mehr der Herstellung von physischen Kopien um Wissen und Kultur zu verbreiten, was somit den Zugang zu Informationen enorm vereinfacht. Genau dieser schnelle und unkomplizierte Weg Informationen auszutauschen ist der Motor unserer Informationsgesellschaft.
Vom materiellen Schaden einmal abgesehen:
Welcher materielle Schaden? Es wird in den Raum gestellt, dass es einen materiellen Schaden gibt, ohne die geringsten Ausführungen und eventuelle Gründe, die nichts mit dem “gratis Kopieren, Wiederverwenden und Weiterverbreiten” zu tun haben.
Wie beklaut, beschissen und enteignet muss sich ein Autor fühlen, der plötzlich irgendwo einen Text von sich liest, den ein anderer – Verfasser mag man ihn nicht nennen – ihm entwendet, überhaupt nicht oder nur minimal verändert und mit seinem eigenen Namen versehen hat.
Beklaut Beklaut wurde niemand, es wurde nichts entwendet. Die Zitate aus diesem Artikel habe ich kopiert; das bedeutet nicht, dass jede Kopie auf dem Rechner des Autors sowie im Internet plötzlich verschwunden ist.
Enteignet Es kann nichts enteignet werden, was man nicht besitzt. Enteignungen enthalten ausserdem eine Entschädigung, die vom Staat für den Entzug des Eigentums ausgezahlt wird. Ein ähnlicher Mechanismus ist zwar3 im aktueller Urheberrechtsgesetz vorgesehen, allerdings noch nicht in Kraft.
Beschissen Neben zwei juristisch eng definierten Begriffen wird auch suggeriert, Autoren deren Texte kopiert werden würden sich “beschissen” fühlen – eine subjektive Unterstellung, die verallgemeinert ohne Argumentation in den Raum gestellt wurde und aufgrund ihrer Subjektivität natürlich nicht nachprüfbar ist.4
Sollen Plagiate im digitalen Zeitalter etwa gar nicht mehr strafbar sein?
Wer behauptet denn sowas? Sogar die bösen Raubmordkopierer von der Piratenpartei stellen sich klar gegen Plagiarismus.
Oder fallen sogenannte Mash-ups, aus Schnipseln anderer Werke zusammengebastelte Texte, nicht unter diese Kategorie?
Nein. http://www.everythingisaremix.info/
Und wie lange soll das neumodische „Guttenbergen“, das fröhliche Anzapfen diversester Quellen ohne entsprechende Angaben, hierzulande noch als Kavaliersdelikt akzeptiert werden. Jeff Baden, mein ganz persönlicher Plagiator – wer kann schon einen solchen vorweisen? –, wird Ihnen gerne auf diese Fragen antworten.
Plagiarismus ist in Luxemburg strafbar, wie in den meisten Ländern der Welt auch. Anzeige erstatten!
Und hier hätte der Artikel mit der Forderung nach einem strafferen Gesetz gegen Plagiarismus aufhören können. Allerdings verrennt sich der Autor in der Folge in einen Rant, der Plagiarismus mit unerlaubten Vervielfäligungen und Verbreitung gleichsetzt und in der Idee endet, dass sich gesellschaftliche Probleme mit verschärften Urheberrechtsgesetzen lösen können.
Ich lebe vom Schreiben, ich will und muss mit meinen Büchern, meinen Artikeln, meinen Lesungen und sonstigen öffentlichen Auftritten Geld verdienen. Gelegentlich auch mit dem Nachdruck von Werken, die bereits einmal erschienen sind und irgendwann, komplett oder bloß in Auszügen, neu aufgelegt oder wiederverwertet werden.
Es geht demnach nicht um die Ehre. Die kann mir gestohlen bleiben. Es geht um Geld. Nur, wer hierzulande ehrlich über Geld spricht oder schreibt, macht sich unbeliebt. Wer welches hat, soll in unserer Gesellschaft am besten darüber schweigen. Wer keins hat, macht sich zudem lächerlich. [...] Niemand will wissen, dass die Regierungsverantwortlichen einen Autor, der im Rahmen eines durchaus ambitionierten Schulprojekts ein mehrstündiges Schreibatelier abhält und nicht im Besitz eines Akademikerdiploms ist, mit einem Stundenlohn von erbärmlichen 38,69 Euro abspeisen. So als würde der Autor für Examensleistungen als Schüler oder Student entschädigt, aber nicht für das, was er in den darauffolgenden 20 oder 40 Jahren in seinem Beruf geleistet hat.
Wie viel Geld hierzulande mit einheimischen Romanen und Sachbüchern, Lyrikbändchen und Kindergeschichten umgesetzt wird – niemand weiß es. Es gibt keine Zahlen, nichts Konkretes, keine Statistiken, nur Geraune und Gemunkel. Niemand, außer meinem Steuerbüro, weiß, was dabei herausspringt, wenn ich einen für hiesige Verhältnisse absoluten Verkaufsschlager lande. Niemand ahnt, wie wund ich mir gleichzeitig die Fingerkuppen tippen muss, um am Monatsende meinen gesetzlichen Kranken- und Rentenkassenbeitrag entrichten zu können, weil ich sozialleistungstechnisch mit sicherlich nicht schlecht verdienenden Vertretern anderer sogenannter liberaler Berufe wie Ärzten und Anwälten in einen Topf geworfen werde.
Ich kann jedem, der es wissen möchte, versichern: Obwohl ich nicht nur meine Geschichtchen und Romänchen verfasse, sondern im Wechsel auch regelmäßig Sachbücher sowie häufiger Reise- und andere Reportagen in in- und ausländischen Zeitungen und Magazinen sowie in diversen Käseblättern veröffentliche, dicke Bücher übersetze, dünne Bücher lektoriere, umfangreiche Radiofeatures nicht nur als Schreiber, sondern auch als mein eigener Produzent und Sprecher an einen einheimischen Kultursender verscherbele – mein monatliches Durchschnittseinkommen liegt seit Jahren, ja, eigentlich seitdem ich mich für diese Tätigkeit entschieden habe, weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Und wenn ich es recht bedenke, mache ich mich vermutlich sogar strafbar, weil ich als mein eigener Chef totale Selbstausbeutung betreibe – ein Geschäftsgebaren, für das jeder „normale“ Arbeitgeber vor Gericht gestellt würde.
Eine sicherlich schwierige Situation. Allgemein haben es Künstler sehr schwer von ihrer Kunst zu leben. Allerdings, so sehr ich den Unmut auch verstehen kann, deutet absolut gar nichts in diesem ausführlichen Rant darauf hin, dass freies Kopieren (oder gar Plagiate) etwas mit der misslichen Situation zu tun haben. Hier eine Liste von Problemen und Verantwortlichen, die ich aus dem Text herauslese:
- Die Gesellschaft (wir alle): ehrlich ums Geld reden ist verpönt und verhindert eine offene Diskussion über die Probleme von Kunstschaffenden in Luxemburg.
- Die Regierungsverantwortlichen: künstlerische Tätigkeiten im Auftrag des Staates werden nicht angemessen bezahlt.
- Das Steuersystem: Journalisten/Autoren werden mit (besserverdienenden) liberalen Berufen in einen Topf geworfen, was erhebliche steuerliche Nachteile mit sich bringt.
- Der Autor des Textes: weil er seine Bücher nicht verkauft bekommt.
Der letzte Satz ist eine Provokation, allerdings erlaube ich mir jetzt die vom Autor in Sachen Geld geforderte Ehrlichkeit: Bücher und Texte verkaufen (im Gegensatz zu schreiben) ist ein “Business” – damit sind unweigerlich Risiken verbunden. Klappt es trotz dem unabstreitbarem Einsatz des Autors und Produzenten nicht seine Ware (und hier ist die physische Ware “Buch” gemeint) nicht zu verkaufen, dann liegt das nicht immer am Staat, der die Raubmordkopierer aus dem Internet nicht ins Gefängnis steckt. Wurde die Ware richtig vermarktet, besteht eine Nachfrage nach dem Produkt, klappt der Vertrieb?
Eigentlich hat sich, wann man ehrlich ist, an dieser Situation bis heute nicht viel geändert. Nach wie vor und nicht zu selten werde ich gefragt, was ich neben dem Schreiben denn so beruflich tue. Immer noch werde ich seltsam angeschaut, wenn nicht gar verachtet, sobald ich für meine schöpferische Leistung bezahlt zu werden wünsche, so wie jeder Bäcker für seine Brötchen, jeder Heizungsinstallateur für seinen Einsatz in meinem Keller, jeder Gärtner, bei dem ich mir ein paar Frühjahrsblümchen besorge. Kein Wunder demnach, dass mein eigener Vater mich erst vor kurzem wieder fragte, ob ich nicht allmählich daran denken würde, mir einen richtigen Beruf zu suchen. Und wenn nicht, warum ich denn nicht endlich einen Bestseller schreiben würde, wie der Kerkeling mit seiner Jakobswanderung oder diese andere Fernsehtussi, die zuerst über ihre Geschlechtsteile erzählte und dann über ihre toten Brüder und bestimmt längst zur Millionärin geworden ist.
Hier werden zwei Probleme beschrieben:
1) Die Geringschätzung der Gesellschaft gegenüber Kunstschaffenden, vor allem den 99%5, die es nicht in die Charts oder Bestsellerlisten schaffen.
2) Der verständliche Frust, wenn sich der Schund anderer besser verkauft, als das hart erarbeitete, selbst geschriebene Buch.
Beide Probleme haben allerdings wieder gar nichts mit dem freien Kopieren im digitalen Zeitalter zu tun (oder, wieder, mit Plagiaten). Ausserdem wird es dem Ansehen der Kunstschaffenden sicherlich nicht zuträglich sein, wenn sie fordern, dass ihre Kunden schneller und länger ins Gefängnis gesteckt werden6
Warum äußert sich kein Romancier zu den neuesten Entwicklungen, den möglichen Chancen, aber auch den potenziellen Gefahren durch E-Book, Smartphone und Tablet-PCs? Warum protestiert kein Autor, wenn Zeitungsinhalte umfassend digitalisiert, Nutzern kostenlos zur Verfügung gestellt und auch in diesem Fall massiv Urheberrechte verletzt werden?
Der Autor unterstellt hier ohne weitere Erklärungen, dass Digitalisierung und kostenlos Inhalte zur Verfügung stellen Urheberrechte verletzen. Wenn die New York Times ihre Archive digitalisiert werden keine Urheberrechte verletzt. Ausserdem besteht wieder kein logischer Zusammenhang zwischen der Problemerfassung (“Autoren verdienen nicht genug Geld, keine gesellschaftliche Wertschätzung, keine Represention in den Medien der Einzelschicksale”) zur Schlussfolgerung (“Urheberrecht wird verletzt”). Wo besteht der Zusammenhang? Viele Menschen haben oft nur Zugang zur Kunst, weil sie digitalisiert ist und kostenlose Nutzung dient hervorragend als Werbung – den negativen Effekt dieser Entwicklung ohne weitere Erklärungen zu suggerieren ist zwar einfach, aber nicht korrekt.
Der Artikel verfehlt in jeder Hinsicht, die durchaus besorgniserregende Situation einer Branche mit den Forderungen nach einem verschärftem Urheberrecht in Verbindung zu bringen. Was bleibt ist ein (aufgrund der angesprochenen gesellschaftlichen Probleme) verständlich frustrierter Journalist, der die Existenz von Kreativität mit finanzieller Entschädigung gleich gesetzt, ohne im geringsten auf die Milliarden kreativen Köpfe auf diesem Planeten einzugehen, die tagtäglich Kunst und Kultur erschaffen, ohne jemals einen Cent dafür zu fordern.
P.S. Die zitierten Passagen stammen aus dem Artikel vom Georges Hausemer, veröffentlicht im Luxemburger Land vom 18.05.2012, zu finden unter folgendem Link und wurden zur kritischen Kommentierung kopiert und in diesem Artikel eingefügt.
P.S. 2 “How shall the artists get paid?”
- Wegen der immer noch bemerkenswerten Verweigerung vom ‘Land’ ihre Artikel online zu veröffentlichen relativ unbemerkt ↩
- Es bleibt dem aufmerksamen Lesen nicht verborden, dass hier ein “bekannter” Blogger zitiert wird, ohne Angabe wo und wann diese Aussage getroffen wurde, ohne Link zum Blog von Malte Welding, oder dem Artikel aus dem dieses Zitat kopiert wurde. ↩
- Leider, da genauso unsinnig. ↩
- Ich freue mich z.B. jedesmal, wenn ich irgendwo meine Texte wiederfinde – fühle mich also eher “beschissen” gut wenn ich kopiert werde. ↩
- Pun intended ↩
- Es wird schon seit einigen Jahren von der “Contentmafia” geredet – ein Begriff, den sich die Produzentenbrache hart erarbeitet hat. ↩

Die Argumentation von Georges Hausemer hat vielleicht einige Lücken, aber er spricht das grundsätzliche Problem an: Es sind die “Wiederverwerter und Rechtenutzer”, die die Urheberrechtsdebatte anheizen, nicht die Autoren. Die “Kulturschaffenden” (d.h. die Kultur schaffen: Autoren, Maler, Musiker usw.) mit der “Contentmafia” (Verlage, Galerien, Labels usw.) gleichzusetzen ist völlig falsch.
Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Ich werde gefragt einen Beitrag für einen wissenschaftlichen Sammelband zu schreiben. Was ich gerne mache, denn ich möchte, dass meine geistige Arbeit anderen zur Verfügung steht. Ich bekomme kein Geld dafür, was möglich ist, weil der Staat mich bezahlt. Dazu kommt aber, dass das staatlich geförderte Institut Geld an den Verlag zahlt, damit dieser das Buch überhaupt druckt (sog. Druckkostenzuschuss). Wohlgemerkt nur druckt, das Lektorat machen zu 99% die staatlich bezahlten Wissenschaftler. Dann kommt das Buch endlich heraus, ich bekomme ein (!) Gratisexemplar, mir wurde aber via Knebelvertrag verboten, ein PDF meines (!) Artikels online zu stellen – mein Urheberrecht musste ich ebenfalls abtreten. Der potentielle Leser findet meinen Beitrag spannend (na gut: mehr oder wenig interessant) – trotz der kaum geleisteten Werbung des Verlags – und möchte es erwerben. Die 34€ für 200 S., von denen ihn 20 S. interessieren, will der Leser aber nicht zahlen: er kuckt bei GoogleBooks nach oder geht in die nächste Bibliothek und kopiert sich die Seiten. Der Verlag verkauft kaum Exemplare und nutzt das als Argument noch höhere Zuschüsse und Preise zu verlangen und seine Bücher aus GoogleBooks raus zu nehmen – hier kommt das Internet als “Bedrohung”.
Wie Malte Welding es klar ausdrückt: Kultur ist lukrativ. Aber nicht für die, die sie schaffen, sondern nur für die, die durch ihre Marktmacht am längeren Hebel sitzen: in diesem Fall die Verlage. Es ist deren Profitgier und ihre überholten Geschäftsmodelle, die das Problem darstellen, nicht der Wunsch der Autoren bezahlt zu werden und nicht die Leser, die einen angemessenen Preis zahlen wollen und keine Mondpreise.